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KÖRPER-STRUKTUREN
FOTO-KUNST
Christoph Woloszyn

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Das Bild im Bild oder: Die Verfremdungswelten von Christoph Woloszyn

„Über die Wirklichkeit hinaus“ – das war das Anliegen vieler Künstler in den 20-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die sich dem Surrealismus verschrieben, einer Kunstrichtung, die u.a. auf die neuen Traumdeutungen und psychoanaly-tischen Erkenntnisse von Sigmund Freud reagierte. Und somit erkannte, dass es neben und außer der wirklichen, subjektiv erfahrenen Welt noch mindestens eine weitere Ebene im menschlichen Erlebnis- und Wissensfeld geben müsste – das Unterbewusste. Das Fenster zu einer scheinbar unendlich weiten Emotions- und Erfahrungslandschaft stand somit weit offen. Davon profitieren auch heutige Künstler – wie der Hagener Fotograf Christoph Woloszyn.

Wie einst Max Ernst, einer der bedeutenden Repräsentanten des Surrealismus, kombiniert er Dinge, Beobachtungen, Traumatisches und Träume zu eigenwilligen Metaphern des Lebens, bei denen er sich in einer ersten Bilderserie dieser für ihn seit etwa zehn Jahren entwickelten Position auf zwei Motivfelder konzentriert: auf den menschlichen Körper und die Natur. Baum, Ader, Stein, Nebel, Felsformation, Flosse, Palmwedel, Rinde, Jahreszeiten-Impression, Wald liefern ihm die Assoziationen für ein neues, groteskes, skurriles, abenteuerliches oder auch bewusstseinerweiterndes Verhältnis zu den Phänomen in unserer gewachsenen, vertrauten, aber auch gefährdeten Umwelt. Mensch und Natur wachsen in diesen digitalen Bildfantasien in einer souverän beherrschten, kreativen Verfremdungstechnik zusammen.

In diesen Metamorphosen und Transformationen steht Woloszyn der religiösen Pantheismus-Philosophie eines Johann Wolfgang von Goethe nahe. Gott zeigt sich durch die und in der Natur als der Schöpfer und der Beherrscher unseres sichtbaren Kosmos. Der Mensch in seinem Übermut und in seinem Drang, ihm alles untertan zu machen, gefährdet diese eigentlich harmonische Beziehung zwischen Natur und dem homo sapiens, der sich leider immer wieder gebärdet, als ob er nicht wissend sei.

Japans Super-Gau im Atomkraftwerk von Fukushima, aber auch ständig in vielen unbefriedeten Regionen der Welt aufflackernde Kriege und Unter-drückungen sorgen dafür latent, dass Mutter Erde ihre Unschuld auf Dauer verliert. Dass der Mensch eigentlich unerbittlich und konsequent dafür eintreten sollte und müsste, die Natur zu beschützen, zu bewahren, das Göttliche in ihr über alles zu schätzen und es schließlich als Geschenk der Schöpfung dankbar anzunehmen. Es wäre wunderbar und welt- und menschheitserhaltend, wenn sich diese Erkenntnis zumindest langfristig durchsetzen würde. Ansätze waren und sind immer wieder erkennbar – und dann folgt die nächste selbst verursachte Katastrophe, das verschuldete Chaos, der bewusst eingeleitete Vorgang von Ausbeutung und Abbau.

Die Folgen haben wir alle zu tragen. Es handelt sich also um einen Generationenvertrag, wenn wir unsere Erde, unsere Natur schonend pflegen und mit ihr und in ihr leben. Es gibt kein besseres Argument für die menschliche Zukunfts-perspektive.

In diesem Geflecht von Verantwortung und Einsicht, von  Gegenwart und Zukunft bewegen sich die surrealen Bildmotive von Christoph Woloszyn. Er ist gebürtiger Pole vom Jahrgang 1959. 1987 kam er nach Deutschland. Die Fotografie beschäftigt ihn schon seit vielen Jahren – obwohl er zuvor im klassischen Sinn in der Tradition der Landschaftsmalerei stand. Doch die kombinatorischen Möglichkeiten der digitalen Technik zog ihn magnetisch zur Fotografie hin. Sein Schaffen besitzt viele Facetten – eine davon lernen wir hier in dieser Ausstellung mit dem Titel „Körper-Strukturen“ kennen. Woloszyn schränkt bei diesen unterschiedlich großen Formaten den motivischen Fundus, den er wie ein archäologischer Archivar sammelt und ständig erweitert, ein. Wie schon gesagt:

Der nackte, also unbedeckte, radikal entkleidete Körper, meist der von Frauen als Huldigung an das Weibliche und an die ästhetisch grundierte Projektion des Mannes, mutiert zur Naturlandschaft. Sie wird felsig zerklüftet, traumverhangen erweitert, zum Sehabenteuer ausgebaut, zur emotionalen Inspiration umgedeutet. Die Natur kleidet den zuvor noch total entblößten Körper ein. Pflanzen, Äste, Blätter, Steine strukturieren das menschliche Maße und die menschliche Masse. Eine Hochzeit, eine Vermählung findet statt: zwischen dem fundamentalen, schützenden, auch fremden Lebensraum und den individuellen Fähigkeiten des menschlichen Geistes, der Sinne und der Tat. In diesem Zusammenspiel entlarvt sich die Seele. Woloszyns Fotografien entführen uns in den paradiesischen Urzustand, in dem Mensch und Natur noch gleichrangig sich gegenseitig duldeten und akzeptierten. Seine Surrealismus-Variationen greifen zur Utopie und zur Vision: Im Traum sind Mensch und Natur eine üppige, sich aber gegenseitig stützende Einheit. Inwieweit seine Bildcollagen mit ihrer luxuriösen Farbpalette religiöse Themen und ideologische Inhaltliche transportieren, darüber müsste er selbst Auskunft geben.

Wir können immerhin diese frei erdachten und doch streng konzipierten, ja sogar durch Licht und Farbwahl sowie Objektkomponenten inszenierten Fantasy-Impressionen genießen: als Botschaften eines neu geschaffenen, intimen Dialoges zwischen uns allen, zwischen dem Fotografen und der Innen- und Außenwelt, zwischen Himmel und Erde, zwischen Dasein und Übersinnlichkeit. Woloszyn schafft für uns gewissermaßen einen mit den Augen begehbaren Flur, von dem wir aus in die verschiedenen Richtungen einer Bild und Gedankenarchitektur schreiten können, wenn wir das wollen. Der Fotograf eröffnet uns emphatisch und fantastisch diese von ihm vorgezeichneten Strukturen, die aber wieder zurück führen zu uns selbst. Denn dieser Kreislauf, der zunächst von uns ausgeht, um nach einer spirituellen Mit-Sicht mit dem künstlerischen Ego in unsere eigenen Vorstellungsbereiche zurückführt, wirkt bei dem Bildträumer innovativ und magisch. Woloszyn zieht uns suggestiv in seine Phantasmagorien hinein. Ein spannender Prozess, von dem wir zuweilen auch überrascht und provoziert werden. Das aber ist das Wesen von Kunst, dass sie Gesetze und Regeln aushebelt, dass sie unseren Blick neu ausrichtet auf den Zauber des Unbekannten oder sogar Unschuldigen, dass wir uns neu orientieren müssen, um mit diesem Bilderlebnis aufzubrechen in ein unbekanntes Land, in dem – als ironischer Kommentar – die Menschen auf Bäumen wachsen.

Jörg Loskill
(Kunsthistoriker, Buchautor und Herausgeber)

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